Rostock – Heinkelwerke

Mit keinem anderen Unternehmen in der Stadtgeschichte tut sich die offizielle Geschichtsschreibung so schwer, wie mit diesem: der Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH (Heinkelwerke, EHF). Wie kein anderes Unternehmen haben die Heinkelwerke die Entwicklung der Stadt Rostock beeinflusst.

Das 1922 in einer gemieteten Halle des Seeflugzeug-Versuchskommandos in Warnemünde gegründete Unternehmen wuchs schnell; mit dem Erfolg der Heinkelwerke wuchs auch die Stadt Rostock innerhalb kurzer Zeit zur Großstadt und wurde zum bedeutendsten Industrie- und Hochtechnologiestandort in Mecklenburg. Ganze Stadtviertel entstanden neu – die Heinkelwerke bezahlten nicht nur überdurchschnittlichen Lohn und stellen Kantinenessen zur Verfügung, sondern errichteten ganze Wohnviertel und betrieben ein Krankenhaus und andere Einrichtungen.

HeinkelLogo

Logo der Ernst Heinkel AG, wie es lange an der Heinkelmauer zu sehen war

Dennoch ist es ein Ort voller Widersprüche. Ein Ort, der von den Errungenschaften deutscher Ingenieurskunst kündet, genauso wie von der schuldhaften Verstrickung im nationalsozialistischem System des Deutschen Reiches.

Hier entwickelte Ernst von Oheim 1939 das erste Düsenflugzeug der Welt – doch einen offiziellen Ort, der an dieses bedeutende Stück Luftfahrtgeschichte erinnert, findet sich nicht in der Stadt, nur ein privat finanzierter Gedenkstein, passend auf dem Gelände platziert, wo sich einst der große Werksflugplatz befand.

HRO - Industriestraße - Gedenkstein

privat finanzierter Gedenkstein zur Erinnerung an den weltweit ersten erfolgreichen Flug mit einem Düsenflugzeug, das in den Rostocker Heinkelwerken entwickelt wurde

1931 zogen die Heinkelwerke aus Warnemünde zunächst nach Rostock in die Bleicherstraße – der Mietvertrag für die Hallen in Warnemünde war gekündigt worden.

Zu diesem Zeitpunkt baute Heinkel verschiedene Flugzeugtypen für das Reichswehrministerium und Postflugzeuge. 1932 erhielten die Heinkelwerke den Auftrag zur Entwicklung und zum Bau eines Schnellflugzeuges für die Lufthansa.

1932 verstärkte Ernst Heinkel die politische Lobbyarbeit und richtete eine ständige Vertretung der Heinkelwerke in Berlin ein. Hierhin wurde einer der Direktoren der Heinkelwerke entsandt: Baron von Pfistermeister. Er pflegte Kontakte nicht nur zu den staatlichen Institutionen sondern auch zu Wettbewerbern. Die Lobbyarbeit sollte sich bald auszahlen: zunächst besuchte Hermann Göring 1932 die Heinkelwerke; 1933 kündigte sich weiterer hoher Besuch bei Ernst Heinkel in der Bleicherstraße an: der Chef des noch geheimem Luftwaffenverwaltungsamtes und späterer Generalfeldmarschall Albert Kesselring. Er regte an, ein neues Werk bei Rostock für ca. 3.000 Arbeiter zu errichten; im Gegenzug garantierte er Aufträge und hohe Abnahmepreise für die Flugzeuge. Die unheilige Allianz zwischen Flugzeugtechnologie und Nationalsozialismus begann. 1933 verbuchten die Heinkelwerke einen ersten Großauftrag: 80 Stück Kampf- und Aufklärungsflugzeuge vom Typ He 45B und 20 See- Beobachtungsflugzeuge vom Typ He 60.

Im Frühjahr 1934 konnte mit dem Neubau auf dem Gelände in Rostock Marienehe begonnen werden; der Rohbau für den ersten Bauabschnitt war im Dezember 1934 fertig; der Start der Produktion in Marienehe erfolgte ab 1935.

Extra für die Heinkelwerke wurde zunächst die Straßenbahn bis nach Marienehe verlängert und ab 1935 wurde ein separater Haltepunkt der Vorortbahn für die Werksangehörigen eingerichtet.

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Haltepunkt Marienehe heute – rechts am Bildrand der Gleisrest, der in Richtung Heinkel-Flugplatz und Schmarl führte. Der Haltepunkt hatte damals keinen solchen Bahnsteig.

Parallel zu den Bauarbeiten in Marienehe wurde der werkseigene Flugplatz unweit des Dorfes Schmarl (nördlich von Marienehe gelegen und ebenfalls mit der Vorortbahn erreichbar) angelegt – er hatte drei fächerförmig angelegte und befestigte Haupt-Start- und Landebahnen und zwei Neben-Start- und Landebahnen. Die Haupt-Start-und Landebahn war eine West-Ost-Startbahn mit 1.500 m Länge, die anderen beiden verliefen von Nordwest nach Südost bzw. von Südwest nach Nordost. Das Werksgelände in Marienehe zog sich bis zum Flugplatz hin, die Ausflughalle befand sich in dessen unmittelbarer Nähe.

Der Standort Marienehe wurde zum modernsten Flugzeugwerk Europas und avancierte schnell zum Stammwerk der Heinkelwerke. Die Heinkelwerke hielten mehr als 1.300 Patente im Bereich des Flugwesens und knapp 600 Schutzrechte rund um Triebwerke.

Ab 1934 wurde zusätzlich in den Hallen der von Heinkel übernommenen Firma Norddraht in der Roststocker Werftstraße produziert.

1936 begannen die Arbeiten an der Errichtung eines neuen Heinkel-Zweigwerkes in Oranienburg (was die Vermutung nahe liegt, das zu diesem Zeitpunkt der Aufbau des Marieneher Standortes abgeschlossen war).

1939 sind in den Heinkelwerken in Rostock 9.000 Menschen beschäftigt (1933 waren es 400!) – die Seestadt Rostock weist für 1938 erstmals Vollbeschäftigung aus. Mehr als 1.000 Wohnungen werden in Rostock neu gebaut – hauptsächlich für Heinkel-Werksangehörige; der Heinkel Chefarchitekt und Leiter der Heinkelbauabteilung ist zugleich Mitglied der Geschäftsführung der städtischen Siedlungsgesellschaft – unter seiner Regie entstehen z.B. die Häuser am Gustloff -Platz (heute Thomas Münzer Platz).

HRO - Gustloff Bunker am Gustloff Platz

Siedlung für Heinkel-Werksangehörige am Gustloff-Platz im typischen Backstein-Look (heute Thomas Münzer Platz); rechts im Bild der Gustloffbunker als zivile Luftschutzeinrichtung

1943 werden alle Gesellschaften aus der Heinkel-Firmengruppe zwangsweise zur Ernst Heinkel Aktiengesellschaft (EHAG) fusioniert. Heinkel behielt zwar die Aktienmehrheit, war nunmehr jedoch nur noch Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Beginnend ab 1942 nach den ersten schweren Bombardements auf Rostock begann die Dezentralisierung, die insbesondere ab 1944 forciert wurde (man kann hier nicht wirklich von „U-Verlagerung“ sprechen, obwohl es kleinere Ansätze dazu gegeben haben schien – z.B. mit der Verlagerung von Teilen der Produktion in verbunkerte Produktionsstätten im Wald bei Schwarzenpfost). Die Dezentralisierung führte dazu, das nunmehr auch an verschiedenen kleineren Standorten für die Heinkelwerke produziert wurde, so z.B. in Barth und in Lübz).

1945 – zum Ende des Krieges – waren in den Rostocker Heinkelwerken mehr als 17.000 Menschen beschäftigt, darunter einige Tausend Zwangsarbeiter.

Als Rüstungsbetrieb wurden die Rostocker Heinkelwerke nach dem Ende des Krieges (die Truppen der Roten Armee erreichten Rostock am 01.Mai 1945) vollständig demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Fast alle Werkhallen – insbesondere in Marienehe – wurden gesprengt und dem Erdboden gleich gemacht.

Die Start- und Landebahnen des Werksflughafens wurden entfestigt (auf Luftbildern aus dem Jahr 1957 kann man deren Verlauf noch erkennen) und wurden in der Zwischenzeit mit einem Gewerbegebiet überbaut.

Die gründliche Zerstörung dieses deutschen Hochtechnolgiestandortes macht eine Erinnerung und eine Aufarbeitung dieses spannenden Kapitels deutscher Geschichte beinahe unmöglich.

Quellen:
[Hrsg.] Foreign Office & Ministry of Economic Warfare „The Bombers Baedeker. Guide to the Economic Importance of German Towns and Cities“, 2nd edition, 1944
[Hrsg.] Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg Vorpommern; „Technikgeschichte kontrovers: Zur Geschichte des Fliegens und des Flugzeugbaus in Mecklenburg Vorpommern“; Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommern Nr. 13; Schwerin; 2007
Vajda, Ference A. / Dancey, P. „German Aircraft Industry and production 1933 – 1945“, 1998
Wagner, Andreas; „Der Streit um die Geschichte der Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock“; in: Demokratische Geschichte 17, Malente, 2006, Seite 235 ff.

 

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