Rostock – Brauerei Voss

Die kleine Brauerei ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Hinterhof-Brauerei. Die Ursprünge der Brauerei im Hinterhof-Karree der Rostocker Wollenweberstraße / Altschmiedestraße reichen bis ins Jahr 1619 zurück. Damals braute man Bier hauptsächlich für die nahe gelegene Nikolaikirche.

1858 wurde auf dem Areal die Dampf- Bierbrauerei und Malzfabrik der Kaufmannsfamilie Voss gegründet, die das Unternehmen schrittweise erweiterte.

1895 übernehmen Theodor und Ludwig Voss die Geschäfte. Durch den hohen Konkurrenzdruck im Brauereigeschäft konzentriert man sich auf die Herstellung von Weißbier, Malzbier und Karamell.

Der 30 m hohe Schornstein neben dem Sudhaus stammt aus dem dem Jahr 1916 und ist heute einer der wenigen noch erhaltenen Schornsteine im Rostocker Stadtgebiet.

1922 wurde die Voss´sche Brauerei (so eine andere Schreibweise) von der Rostocker Brauerei Mahn & Ohlerich übernommen, die die Gebäude aber bald darauf wieder an den Kaufmann Scholten verkauft. Der Brauereibetrieb wurde eingestellt und die Gebäude als Lagerhaus und als Verkaufsraum für Keramik genutzt.

1930 kam es im Areal zu einem schweren Brand. Beim Wiederaufbau wurden einige Gebäudeteile abgerissen und es erfolgten einige Anbauten im Hinterhof.

Zwischen 1945 und 1989 wurde das Gelände als Lager für die staatliche Handelsorganisation genutzt. Danach stand das gesamte Areal bis 2007 leer; das ehemalige Sudhaus wurde inzwischen zu einer Wohnung umgebaut.

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Rostock – Heinkelwerke – Standort Marienehe

Auf Anregung durch den Chef des noch geheimem Luftwaffenverwaltungsamtes, Albert Kesselring, nach einem Besuch der Heinkelwerke in der Bleicherstraße begannen 1933 die Planungen für ein neues Werk bei Rostock für ca. 3.000 Arbeiter; im Gegenzug garantierte das Luftwaffenverwaltungsamt hohe Abnahmepreise für die Flugzeuge.

Die Suche nach einem geeigneten Standort erwies sich schwieriger als gedacht. Zunächst war geplant, sich neben dem Arado-Flugplatz in Warnemünde anzusiedeln. Diese Idee wurde jedoch schnell wieder fallen gelassen, da zwei dicht beieinander liegende Flugzeugwerke besonders gefährdet wären im Falle eines Luftangriffes.

Es blieb nur ein recht unattraktives Grundstück übrig, das logistisch schwierig zu erschließen war – nach Abgabe des Bauantrages meldete sich der Mecklenburger Gauleiter Hildebrandt bei Ernst Heinkel und bot diesem ein anderes Grundstück an: ein 300 Hektar großes Grundstück der Staatsdomäne in Marienehe. Im Januar 1934 startete das öffentliche Ausschreibungsverfahren zum Neubau eines Flugzeugwerkes für die Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH in Rostock. Den Zuschlag für die Gestaltung des neuen Areals erhielt der bis dahin unbekannte Architekt Herbert Rimpl, der kurz darauf zum Chef der Bauabteilung in den Heinkelwerken avancierte.

Für den seriellen Bau von Flugzeugen in großem industriellen Maßstab gab es bis dahin keine Vorbilder. Es wurde eine städtebauliche Anlage aus modularen Gebäudeteilen entworfen, die sich am direkten Produktionsprozess orientierten. Die Fertigungshallen waren standardisiert und getrennt nach Flugzeugteilen – vom Rumpf über Tragflächen und Leitwerk hin zur Endmontage.

HRO - Heinkelwerke Marienehe - ehem Produktionshalle

Verändert und zu einer Sporthalle umgebaut: eine ehemalige Heinkel-Werkhalle nach dem Entwurf von RIMPL, die einzige, die die Demontage in Rostock überstanden hat

Im Frühjahr 1934 konnte mit dem Neubau auf dem Gelände in Rostock Marienehe begonnen werden; der Rohbau für den ersten Bauabschnitt war im Dezember 1934 fertig. Die Produktion – vorrangig der He 111 (sowohl als Transportflugzeug genutzt, als auch als Bomber) – begann 1935.

Eigens für die neu erbauten Heinkel- Werke wurde zunächst die Straßenbahn bis nach Marienehe verlängert (Betriebsaufnahme 1934) und an der Vorort-Bahn zwischen dem Rostocker Hauptbahnhof und Warnemünde der Haltepunkt Marienehe eingerichtet. Der Bahnhaltepunkt (Eröffnung 1935) war zunächst nur für die Arbeiter der Heinkelwerke vorgesehen und wurde 1940 für die Öffentlichkeit freigegeben. Der Haltepunkt hatte zu dieser Zeit nur einfache Bahnsteige, die mit Kies aufgeschüttet wurden. Der Gleisanschluss hatte für die Heinkelwerke jedoch besondere Bedeutung für die Zulieferungen, die zu dieser Zeit fast ausschließlich per Bahn erfolgten.

Der Standort Marienehe wurde zum modernsten Flugzeugwerk Europas und avancierte schnell zum Stammwerk der Heinkelwerke – dies nicht nur wegen der modernen Werksgebäude nach den Entwürfen des Architekten Rimpl, sondern auch wegen der neuen Unternehmensphilosophie von Ernst Heinkel in Bezug auf moderne Arbeitsplatzgestaltung und gesunde Arbeits- und Lebensbedingungen für die Werksarbeiter.

Durch den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bildeten die Heinkelwerke auch eigenen Lehrlinge aus – eine der Ausbildungsstätten ist noch erhalten. Der Ziegelbau ist charakteristisch für diese Zeit.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges begann fast umgehend die Demontage des Heinkel-Hauptwerkes. Zunächst wurden sämtliche Maschinen und alles, was sich irgendwie demontieren ließ, als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Fast alle Gebäude und Hallen wurden gesprengt und dem Erdboden gleichgemacht. Die Demontagearbeiten dauerten mindestens bis 1948.

Auf dem nunmehr beräumten Gelände wurde etwas später das Fischereikombinat erbaut; auf dem Gelände westlich der Bahntrasse blieben die Lehrwerkstatt der Heinkelwerke und einige Nebengebäude erhalten – hier siedelte sich später die Fischverarbeitung an. Weiter südlich davon wurden Kleingartenanlagen angelegt.

Die einzig erhaltene ehemalige Produktionshalle steht noch, weil hier nach dem Krieg das neue Unternehmen FaGeMa (Fahrzeug- Geräte – und Maschinenbau-Werke) produzierte und bei den sowjetischen Besatzern 1948 Widerspruch gegen die geplante Demontage der Werkshalle einlegte. Halb erfolgreich – die Halle wurde als Produktionsstandort unbrauchbar gemacht und zu einer Sporthalle umgebaut.

Quellen:
[Hrsg.] Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg Vorpommern; „Technikgeschichte kontrovers: Zur Geschichte des Fliegens und des Flugzeugbaus in Mecklenburg Vorpommern“; Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommern Nr. 13; Schwerin; 2007
Hoppe, Timo; „Rostock. Urbane Kulturlandschaft:Stadtbilder – Transformationen – Perspektiven“, 2008
Wagner, Andreas; „Der Streit um die Geschichte der Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock“; in: Demokratische Geschichte 17, Malente, 2006, Seite 235 ff.

Rostock – Heinkelwerke – Standort Werftstraße

Rostock, Lübecker Straße. Hier – unmittelbar an einer der Hauptdurchfahrtsstraßen – im ehemaligen Industriegebiet Werftstraße (heute: Werftdreieck), befand sich bis 2017 das bekannteste Relikt der Rostocker Heinkelwerke: die Heinkelmauer.

Die freistehende Ziegel-Mauer erstreckte sich über eine Länge von mehr als 85 m und war ca. 9m hoch. 24 Mauerpfeiler rahmten 21 Mauerfelder mit rechteckigen Fensteröffnungen ein. Mehr als 150.000 Ziegel wurden hier verbaut. Ein Zufahrtstor ist noch erkennbar. Über dem Tor war das Logo der Heinkelwerke angebracht.

HRO - Heinkelwerke Heinkelmauer

Die sogenannte Heinkelmauer – abgerissen 2017 trotz Denkmalschutz

Die Mauer wurde als sogenannte Vorsatzmauer gebaut – sie wurde vor bereits bestehende Werkhallen gesetzt und sollte das auf der anderen Straßenseite neu errichtete Wohnviertel für die Arbeiter der Heinkelwerke vor Lärm schützen. Weiterhin sollte sie einen ästhetischen Zweck erfüllen: sie sollte die dahinter liegenden unschönen Werkhallen kaschieren und so das Stadtbild aufwerten.

Zwischen den Pfeilern haben sich ursprünglich Sitzbänke befunden.

Entworfen wurde sie vom Rostocker Architekten Heinrich Alt. Gebaut wurde sie 1936 im Zuge der Übernahme der Nordischen Eisen- und Draht-Industrie Rostock (Norddraht) durch die Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH im Jahre 1934. In den 18 m breiten freitragenden Hallen der ehemaligen Norddraht wurden vor allem Tragflächen gefertigt, die zur Endmontage zum Standort Marienehe transportiert wurden.

Die Rostocker Straßenbahn endete bis 1936 in der Werftstraße – also unmittelbar vor den Toren des Industriegebietes – und wurde ab 1936 bis zu den Heinkel Werken nach Marienehe verlängert und erschloss so auch die neu errichteten Wohngebiete in Reutershagen.

Die Industriestadt Rostock war mit ihrer Rüstungsindustrie im zweiten Weltkrieg Ziel von Flächenbombardements und wurde schwer zerstört; auf dem hiesigen Gelände hielten sich die Bombenschäden in Grenzen und wurden notdürftig repariert. Nach Kriegsende wurden die Heinkelwerke als Rüstungsbetrieb demontiert und oft gesprengt. Das Gelände hinter der Heinkelmauer wurde ab 1951 von der Neptunwerft übernommen und viele Baracken und einige Bürogebäude wurden neu errichtet.

Nach dem Niedergang der Neptunwerft ab 1989 wurden ab 1994 alle hinter der Heinkelmauer liegenden Gebäude und Hallen gesprengt und abgetragen – die Heinkelmauer stand seit dem alleine entlang der Straße.

 

Als industriekulturelles Denkmal wurde sie 1994 unter Denkmalschutz gestellt und dennoch im Februar 2018 abgerissen, nachdem zunächst Sicherungsmaßnahmen durchgeführt worden waren. Dem Abriss vorausgegangen war ein Trauerspiel um die Abrissgenehmigung, das alles bietet, was einen guten Wirtschaftskrimi ausmacht: mutmaßliche Gefälligkeitsgutachten, Intransparenz der Behörden, verschiedene Grundstücksinvestoren mit jeweils eigenen Interessen, ein städtebaulicher Wettbewerb mit einem überzeugenden Sieger, dessen Konzept den Erhalt der Heinkelmauer vorsah und doch nicht umgesetzt wird…

HRO - Heinkelwerke Heinkelmauer 03

Die Heinkelwand von hinten mit den Sicherungsmaßnahmen zur Standfestigkeit (die angeblich und plötzlich bedroht gewesen sei) – rechts ist ein Teil der freien Fläche zu sehen, auf der die Produktionshallen standen

 

Quellen:
Froehlich, Bernd; „Die Heinkel-Wand in Rostock. Fragwürdiger Umgang mit einem Denkmal von 1936“; in: Der Holznagel, Nr. 4/2016, Seite 41 ff
Writschan, Peter; „Das Werftdreieck – eine hundertjährige Industriegeschichte“; unveröffentlichter Arbeitsstand des Amtes für Kultur, Denkmalpflege und Museen der Hansestadt Rostock, 2015

Rostock – Heinkelwerke

Mit keinem anderen Unternehmen in der Stadtgeschichte tut sich die offizielle Geschichtsschreibung so schwer, wie mit diesem: der Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH (Heinkelwerke, EHF). Wie kein anderes Unternehmen haben die Heinkelwerke die Entwicklung der Stadt Rostock beeinflusst.

Das 1922 in einer gemieteten Halle des Seeflugzeug-Versuchskommandos in Warnemünde gegründete Unternehmen wuchs schnell; mit dem Erfolg der Heinkelwerke wuchs auch die Stadt Rostock innerhalb kurzer Zeit zur Großstadt und wurde zum bedeutendsten Industrie- und Hochtechnologiestandort in Mecklenburg. Ganze Stadtviertel entstanden neu – die Heinkelwerke bezahlten nicht nur überdurchschnittlichen Lohn und stellen Kantinenessen zur Verfügung, sondern errichteten ganze Wohnviertel und betrieben ein Krankenhaus und andere Einrichtungen.

HeinkelLogo

Logo der Ernst Heinkel AG, wie es lange an der Heinkelmauer zu sehen war

Dennoch ist es ein Ort voller Widersprüche. Ein Ort, der von den Errungenschaften deutscher Ingenieurskunst kündet, genauso wie von der schuldhaften Verstrickung im nationalsozialistischem System des Deutschen Reiches.

Hier entwickelte Ernst von Oheim 1939 das erste Düsenflugzeug der Welt – doch einen offiziellen Ort, der an dieses bedeutende Stück Luftfahrtgeschichte erinnert, findet sich nicht in der Stadt, nur ein privat finanzierter Gedenkstein, passend auf dem Gelände platziert, wo sich einst der große Werksflugplatz befand.

HRO - Industriestraße - Gedenkstein

privat finanzierter Gedenkstein zur Erinnerung an den weltweit ersten erfolgreichen Flug mit einem Düsenflugzeug, das in den Rostocker Heinkelwerken entwickelt wurde

1931 zogen die Heinkelwerke aus Warnemünde zunächst nach Rostock in die Bleicherstraße – der Mietvertrag für die Hallen in Warnemünde war gekündigt worden.

Zu diesem Zeitpunkt baute Heinkel verschiedene Flugzeugtypen für das Reichswehrministerium und Postflugzeuge. 1932 erhielten die Heinkelwerke den Auftrag zur Entwicklung und zum Bau eines Schnellflugzeuges für die Lufthansa.

1932 verstärkte Ernst Heinkel die politische Lobbyarbeit und richtete eine ständige Vertretung der Heinkelwerke in Berlin ein. Hierhin wurde einer der Direktoren der Heinkelwerke entsandt: Baron von Pfistermeister. Er pflegte Kontakte nicht nur zu den staatlichen Institutionen sondern auch zu Wettbewerbern. Die Lobbyarbeit sollte sich bald auszahlen: zunächst besuchte Hermann Göring 1932 die Heinkelwerke; 1933 kündigte sich weiterer hoher Besuch bei Ernst Heinkel in der Bleicherstraße an: der Chef des noch geheimem Luftwaffenverwaltungsamtes und späterer Generalfeldmarschall Albert Kesselring. Er regte an, ein neues Werk bei Rostock für ca. 3.000 Arbeiter zu errichten; im Gegenzug garantierte er hohe Abnahmepreise für die Flugzeuge. Die unheilige Allianz zwischen Flugzeugtechnologie und Nationalsozialismus begann.

Im Frühjahr 1934 konnte mit dem Neubau auf dem Gelände in Rostock Marienehe begonnen werden; der Rohbau für den ersten Bauabschnitt war im Dezember 1934 fertig; der Start der Produktion in Marienehe erfolgte ab 1935.

Extra für die Heinkelwerke wurde zunächst die Straßenbahn bis nach Marienehe verlängert und ab 1935 wurde ein separater Haltepunkt der Vorortbahn für die Werksangehörigen eingerichtet.

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Haltepunkt Marienehe heute – rechts am Bildrand der Gleisrest, der in Richtung Heinkel-Flugplatz und Schmarl führte. Der Haltepunkt hatte damals keinen solchen Bahnsteig.

Parallel zu den Bauarbeiten in Marienehe wurde der werkseigene Flugplatz unweit des Dorfes Schmarl (nördlich von Marienehe gelegen und ebenfalls mit der Vorortbahn erreichbar) angelegt – er hatte drei fächerförmig angelegte und befestigte Haupt-Start- und Landebahnen und zwei Neben-Start- und Landebahnen. Die Haupt-Start-und Landebahn war eine West-Ost-Startbahn mit 1.500 m Länge, die anderen beiden verliefen von Nordwest nach Südost bzw. von Südwest nach Nordost. Das Werksgelände in Marienehe zog sich bis zum Flugplatz hin, die Ausflughalle befand sich in dessen unmittelbarer Nähe.

Der Standort Marienehe wurde zum modernsten Flugzeugwerk Europas und avancierte schnell zum Stammwerk der Heinkelwerke. Die Heinkelwerke hielten mehr als 1.300 Patente im Bereich des Flugwesens und knapp 600 Schutzrechte rund um Triebwerke.

Ab 1934 wurde zusätzlich in den Hallen der von Heinkel übernommenen Firma Norddraht in der Roststocker Werftstraße produziert.

1936 begannen die Arbeiten an der Errichtung eines neuen Heinkel-Zweigwerkes in Oranienburg (was die Vermutung nahe liegt, das zu diesem Zeitpunkt der Aufbau des Marieneher Standortes abgeschlossen war).

1939 sind in den Heinkelwerken in Rostock 9.000 Menschen beschäftigt (1933 waren es 400!) – die Seestadt Rostock weist für 1938 erstmals Vollbeschäftigung aus. Mehr als 1.000 Wohnungen werden in Rostock neu gebaut – hauptsächlich für Heinkel-Werksangehörige; der Heinkel Chefarchitekt und Leiter der Heinkelbauabteilung ist zugleich Mitglied der Geschäftsführung der städtischen Siedlungsgesellschaft – unter seiner Regie entstehen z.B. die Häuser am Gustloff -Platz (heute Thomas Münzer Platz).

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Siedlung für Heinkel-Werksangehörige am Gustloff-Platz im typischen Backstein-Look (heute Thomas Münzer Platz); rechts im Bild der Gustloffbunker als zivile Luftschutzeinrichtung

1943 werden alle Gesellschaften aus der Heinkel-Firmengruppe zwangsweise zur Ernst Heinkel Aktiengesellschaft (EHAG) fusioniert. Heinkel behielt zwar die Aktienmehrheit, war nunmehr jedoch nur noch Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Beginnend ab 1942 nach den ersten schweren Bombardements auf Rostock begann die Dezentralisierung, die insbesondere ab 1944 forciert wurde (man kann hier nicht wirklich von „U-Verlagerung“ sprechen, obwohl es kleinere Ansätze dazu gegeben haben schien – z.B. mit der Verlagerung von Teilen der Produktion in verbunkerte Produktionsstätten im Wald bei Schwarzenpfost). Die Dezentralisierung führte dazu, das nunmehr auch an verschiedenen kleineren Standorten für die Heinkelwerke produziert wurde, so z.B. in Barth und in Lübz).

1945 – zum Ende des Krieges – waren in den Rostocker Heinkelwerken mehr als 17.000 Menschen beschäftigt, darunter einige Tausend Zwangsarbeiter.

Als Rüstungsbetrieb wurden die Rostocker Heinkelwerke nach dem Ende des Krieges (die Truppen der Roten Armee erreichten Rostock am 01.Mai 1945) vollständig demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Fast alle Werkhallen – insbesondere in Marienehe – wurden gesprengt und dem Erdboden gleich gemacht.

Die Start- und Landebahnen des Werksflughafens wurden entfestigt (auf Luftbildern aus dem Jahr 1957 kann man deren Verlauf noch erkennen) und wurden in der Zwischenzeit mit einem Gewerbegebiet überbaut.

Die gründliche Zerstörung dieses deutschen Hochtechnolgiestandortes macht eine Erinnerung und eine Aufarbeitung dieses spannenden Kapitels deutscher Geschichte beinahe unmöglich.

Quellen:
[Hrsg.] Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg Vorpommern; „Technikgeschichte kontrovers: Zur Geschichte des Fliegens und des Flugzeugbaus in Mecklenburg Vorpommern“; Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommern Nr. 13; Schwerin; 2007
Wagner, Andreas; „Der Streit um die Geschichte der Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock“; in: Demokratische Geschichte 17, Malente, 2006, Seite 235 ff.

 

Rostock – DMR

Was ab den 1860er Jahren als kleine Werkstatt zur Reparatur von Dampflokomotiven der Lloydbahn begann, entwickelte sich nach und nach zu einem wichtigen Industriestandort Mecklenburgs.  In der sogenannten Halle 4 findet sich der Ursprung des Geländes – ein Stichgleis des nahen Lloydbahnhofes (heute Rostock – Hauptbahnhof) führte in die Werkstatthalle.

1907 wurde die sogennante Halle 3 als Lokwerkstatt neu gebaut – mit dem brandneuen Baustoff Stahlbeton.

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1926 wird aus der Lloydwerkstatt das Reichsbahnausbesserungswerk Rostock, das sich ab 1936 sukzessive weiter ausbreitet durch den Bau neuer und größerer Reparaturhallen. Der typische Look der Industriearchitektur ist unverkennbar.

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DMR – Halle 1 im look der Industriekultur – 2008 unter Denkmalschutz gestellt, 2017 trotzdem abgerissen…

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde fast alles demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion geschafft, was nicht durch Kriegseinwirkung und Bomben zerstört war. Die Lokrichthalle (Halle 1) wurde 1947 fast vollständig demontiert. Auf dem teilweise brach liegenden Gelände und in den ausgeweideten Hallen wurden dennoch notdürftig Reparaturen an Lokomotiven und Waggons durchgeführt.

1947 gründete sich hier der VEB WIMA (Windkraftwerke und Maschinenbau), aus dem per Beschluss der Deutschen Wirtschaftskommission 1949 der VEB Dieselmotorenwerk Rostock wird. Das Reichsbahnausbesserungswerk wurde geschlossen und ab 1951 wurden in den ehemaligen Hallen für die Lok- und Waggonreparatur Schiffsdieselmotoren und Getriebe für Großschiffe gefertigt.

Ebenfalls Anfang der 1950er Jahre wurde das Kraftwerk errichtet. Weithin sichtbar ist der 30m hohe Schornsteins neben dem Kesselhaus. In zwei großen Kesseln wurde hier Steinkohle-Staub verbrannt und damit Strom und Wärme erzeugt.

Ab 1960 stieg man in die Entwicklung eines 2-Takt-Kreuzkopf-Großdieselmotors ein und war damit der alleinige Hersteller derartiger Motoren im östlichen Teil Deutschlands.

Ab dem 01.01.1970 erfolgte die Angliederung des VEB Eisenguß Waren an den VEB Dieselmotorenwerk; hier wurden Schiffsschrauben als Festpropeller produziert.

1992 wurde das DMR im Paket mit der MTW in Wismar für 100.000 DM an die Bremer Vulkan AG verkauft (die damalige Treuhandanstalt nannte das Privatisierung). So entstand der einzige Hersteller von Kreuzkopf-Schiffsdieselmotoren des wieder vereinigten Deutschlands. Wirkliche Synergieeffekte zwischen den beiden Standorten wurden jedoch nicht genutzt – Subventionsmillionen der EU und von Bund und Ländern – für dringend notwendige Investitionen in den ost-deutschen Werftstandorten gedacht – versackten im Rahmen des sogenannten „Konzern-clearings“ in den Untiefen des Bremer Vulkan Verbundes. Dies gab nach der Insolvenz der Bremer Vulkan Anlass zu lang anhaltenden Rechtsstreitigkeiten.

1994 wurde im DMR die Fertigungslinie für Schiffsgetriebe mangels Nachfrage eingestellt; 1999 wurde Insolvenz angemeldet.

Auf einem kleinen Teil des ehemaligen DMR-Geländes werden heute Gondeln für Windenergieanlagen montiert – sozusagen eine Art von „back to the roots“…

Im Dezember 2018 wurde die Halle 1 abgerissen – trotz Denkmalschutz. Ein Schicksal, das dem Kraftwerk möglicherweise erspart bleibt: das denkmalgeschützte Gebäude sieht einer Nachnutzung als Kulturverein entgegen.

Der Abriss und die Umgestaltung des Geländes schreiten 2019 weiter voran. Großflächig wurde – trotz Denkmalschutz – abgerissen.

Der gesamte Bereich des Bahnanschlusses und  des Rangierbereiches wird gerade von dreißigjährigem Grünbewuchs befreit und danach vermutlich endgültig beseitigt werden.

Brand – Luftschiff- Werft

Mitten in den brandenburgischen Kiefernwäldern, etwa 60 Kilometer südöstlich von Berlin, starb der Traum eines deutschen Groß-Luftschiff – Revivals.

Cargolifter – dieses Wort beflügelte eine kurze Zeit die Fantasie, nicht nur von Investoren. Viele träumten von einem neuen Zeitalter der Luftschifffahrt, das genau hier beginnen sollte: im Briesener Ortsteil Brand, Bundesland Brandenburg (die Alliteration ist vermutlich nicht gewollt gewesen), auf dem Gelände eines ehemaligen Flugplatzes der GSSD.

Der Traum von der Entwicklung eines deutschen Lastenluftschiffes währte nur kurz, von 1996 bis 2002. Dann waren satte 300 Millionen Euro Investorengelder verbrannt und geschätzte 150 Millionen Euro der Steuerzahler noch mit dazu. Nach steilem Aufstieg und damit verbundener Hybris folgte der freie Fall.

1996 als Cargolifter AG gegründet, mit dem Ziel ein Lastenluftschiff (den CL 160) für eine Nutzlast von bis zu 160 t zu entwickeln, zu bauen und zu betreiben. Zwischengrößen waren nicht vorgesehen; man wollte „das ganz große Ding“ vom Reißbrett aus konzipieren – sozusagen aus dem Stand von Null auf Einhundertsechzig.

Ein kleines Luftschiff – „Joey“ genannt – konnte 1999 im Maßstab 1:8 vom geplanten CL 160 gebaut werden und sollte vorrangig dem Testen der aerodynamischen Eigenschaften und der Pilotenausbildung dienen sowie als „Vorzeigeobjekt“ (um potenzielle Kapitalgeber zu beeindrucken).  „Joey“ kam immerhin auf 14 dokumentierte Flüge.

Anfang 2000 erfolgte der Börsengang der Cargolifter AG und schon Ende des gleichen Jahres erfolgte die Aufnahme in den MDAX (sehr beachtlich für ein Unternehmen, das praktisch keine Umsätze erzielte).

Im Jahr 2000 wurde die riesige Luftschiff – Werfthalle fertig gestellt: 360 m lang, mehr als 100 m hoch – die größte freitragende Halle der Welt. Von 75 Millionen Euro Baukosten bezahlte der deutsche Steuerzahler 39,4 Millionen Euro. Zwei Luftschiffe sollten hier gleichzeitig montiert werden – so die Konzeption.

Brand - Cargolifter Werfthalle

Briesen/Brand – die ehemalige Cargolifter – Luftschiffwerft im Größenvergleich zu den russischen Bogendeckungen… ein Luftschiff ist hier nie gebaut worden.

In der Realität wurde hier nie ein Luftschiff gebaut.

Selbst der Lastenballon CL75 AirCrane wurde hier im Jahre 2001 „nur“ montiert. Der 61m große und mit Helium gefüllte Ballon hatte seinen Ankerpunkt an der Zufahrtsstraße in der Nähe des Cargolifter-Besucherzentrums. Reste der Verankerungskonstruktion sind noch erhalten – der AirCrane selbst ging am am 10. Juli 2002 bei einem schweren Sturm verloren.

 

Die Cargolifter AG meldete Mitte 2002 Insolvenz an. Im Zuge des Insolvenzverfahrens wurde das einzig flugfähige Luftschiff (der „Joey“) für sagenhafte 13.500 Euro versteigert. Im Jahre 2004 wurde die Werfthalle an einen malaysischen Investor verkauft, der hier seit Dezember 2004 ein tropisches Badeparadies betreibt. Der Verkaufspreis für die Werfthalle betrug 17,5 Millionen Euro, ein Schnäppchen im Vergleich zu den eigentlichen Baukosten.

Rostock – Neptunwerft

Das maritime Rostocker Traditionsunternehmen wurde 1850 als Maschinenbauanstalt und Werft gegründet. Das Firmengelände lag im Gründungsjahr der Werft am nördlichen Stadtrand von Rostock am westlichen Ufer der Warnow. Schon 1851 wurde mit dem Bau des ersten deutschen eisernen Seeschiffes Schiffbaugeschichte geschrieben.

1872 wurde das Unternehmen verkauft und firmierte dann als Hansa-Werft.

1890 entstand aus dem Zusammenschluss der Hansa-Werft und der 1870 gegründeten Rostocker-Actien-Gesellschaft für Schiffs- und Maschinenbau die Actien-Gesellschaft NEPTUN, Schiffswerft und Maschinenfabrik.

Die einzigen, noch heute erhaltenen Gebäude aus der Anfangszeit der Werft sind die Werkshallen 204 und 206 – Baujahr 1897.

Neptunwerft - Hallen 204 206

Giebelseite der ehemaligen Werkshallen 204 und 206 der Rostocker Neptunwerft

Um 1904 wurde das erste Schwimmdock in Betrieb genommen.

Bis 1914 entwickelte sich die Werft zu einem der wichtigsten Schiffbaustandorte Deutschlands. Im ersten Weltkrieg wurden neben Frachtdampfern auch 34 Minensuchboote für die kaiserliche Marine gebaut. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges gingen große Teile der Produktion als Reparationsleistung an die Alliierten.

Im November 1923 wurde durch die Neptunwerft eigenes Notgeld herausgegeben, um die ca. 1.000 Werftarbeiter bezahlen zu können.

1924 wurde ein repräsentativer Verwaltungsbau eröffnet.

Neptunwerft - Verwaltung

Neptunwerft – erst Verwaltungsgebäude, dann Konstruktionsbüro

Ab 1926 wurde die wirtschaftliche Lage schwieriger; es herrschte eine weltweite Krise im Schiffbau. Bis 1928 konnte man sich durch Reparaturaufträge aus der Sowjetunion über Wasser halten. Im Oktober 1928 wurde die Werft wegen Auftragsmangels geschlossen und meldete 1932 Konkurs an. Etwa 100 Werftarbeiter waren noch mit Abwrackarbeiten beschäftigt. Im Zuge der Konkursverwaltung kam das Verwaltungsgebäude, das nun nicht mehr benötigt wurde, in den Besitz der Stadt Rostock. Erst 1934 wurde die Konkursverwaltung für die Neptunwerft aufgehoben – es  erfolgte eine Wiederbelebung des Unternehmens durch die massive Aufrüstung nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Zunächst war die Werft Zulieferbetrieb für das Heereswaffenamt in Berlin; in der Hauptsache wurden Stahlplatten produziert. Später wurden die Arado-Werke in Warnemünde und die Heinkel-Werke in der unmittelbaren Nachbarschaft der Werft mit Stahlkonstruktionen aller Art beliefert. Ab 1936 wurden wieder Schiffe produziert, hauptsächlich Torpedoschiffe und Schnellboote für die Deutsche Marine. Ab den 1940er Jahren wurden darüber hinaus Flakgeschütze und Panzerplatten für Flugzeuge produziert.

Im zweiten Weltkrieg wurde die Werft nahezu vollständig zerstört (Rostock gehört zu den am meisten zerstörten deutschen Städten im zweiten Weltkrieg). Was nicht durch Kriegseinwirkung zerstört war, wurde durch Sprengtrupps der Deutschen Wehrmacht kurz vor Kriegsende zerstört.

Die auf dem Gelände der Neptunwerft vorhandenen Bunker stammen vermutlich alle aus dem zweiten Weltkrieg und dientem vorrangig dem Werksluftschutz:

  • der noch heute vorhandene Hochbunker vom Typ LSB 1400
  • ein weiterer – heute nicht mehr vorhandener – Hochbunker; nach 1945 genutzt als Gebäude für Schulungen, Umkleide- und Sozialräume
  • ein Tiefbunker unter der ehemaligen Helling als Schutzraum für 1.230 Personen (nach 1945 als Schraubenlager genutzt; heute nicht mehr zugänglich)
  • ein 650 qm großer Tiefbunker an der Süd-Ostecke des Werftgeländes (nach 1945 als Modelllager genutzt)

 

Nach Kriegsende begann der Wiederaufbau als Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG); die gesamte Produktion ging als Reparationsleistung in die damalige Sowjetunion.

1946 wurde der dampfbetriebene Schwimmkran „Langer Heinrich“ in Dienst gestellt. Der 53 m hohe Kran kam bis 1978 zum Einsatz und sollte schon verschrottet werden.

 

1951 eröffnete das eigens für die in der Werft Beschäftigten errichtete Klubhaus der Werftarbeiter; in dessen Keller wurde ein schon im zweiten Weltkrieg errichteter Tiefbunker für 680 Personen integriert, der teilweise als Lebensmittellager zivil mitgenutzt wurde.

Das Werftgelände wurde schnell an die Bahn angeschlossen (die Zulieferung erfolgte fast ausschließlich per Bahn – heute sind nur noch sehr wenige Reste der Gleisanlagen zu erkennen); das durch Bombentreffer 1944 versenkte Schwimmdock wurde aus der Warnow geborgen und wieder repariert.

Ab 1953 wurde aus der SAG Neptunwerft der VEB Schiffswerft Neptun. Der Standort wuchs in den Folgejahren schnell. Die Neptunwerft entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Werften der DDR.

In das ehemalige Verwaltungsgebäude zog die Konstruktionsabteilung ein.

1989 erstreckte sich das Werftgelände vom Kabutzenhof bis nach Bramow. Weiterhin gehörten noch eine Reparaturwerft in Gehlsdorf, eine Werkstatt in der Budapester Straße und ein Werk im Patriotischen Weg zur Werft – insgesamt fanden hier mehr als 7.000 Menschen Arbeit.

1991 endete der Schiffsbau in der Neptunwerft am traditionelle Standort in der Rostocker Werftstraße. Danach lag das Gelände viele Jahre brach, die Gebäude wurden ausgeweidet, der Abrißbagger wütete; das Gelände wurde teilweise umgestaltet und neu bebaut.

Das 1951 eröffnete Klubhaus brannte 2001 völlig aus und wurde 2011 schließlich abgerissen – heute steht hier eine Tankstelle.

Ein längerer Spaziergang über das Gelände offenbart dennoch und immer noch genügend lost-place-flair.