GSSD – Flugplatz Damgarten

Ein wirklich riesiges Areal am Saaler Bodden, ummauert, eingezäunt, abgesperrt, von grün umwuchert. Nach fast 60 Jahren militärischer Nutzung erobert sich die Natur viel zurück.

Bekannt sind vor allem die auffälligen Hallen des ehemaligen Seeflugplatzes, der ab 1935 am nordwestlichen Ende am Ufer des Saaler Boddens auf der Halbinsel Pütnitz errichtet worden ist.

#Titel 2 GSSD Damgarten

Die Seefliegerschule wurde im Jahre 1944 geschlossen; in den letzten Kriegstagen war der deutsche Fliegerhorst Pütnitz noch Frontflugplatz für deutsche Jagdflieger des Jagdgeschwaders 103.

Im Mai 1945 zogen die russischen Truppen ein – der Flugplatz wurde kampflos eingenommen;  zwei Wartungshallen des Flugplatzes und eine große Halle der Seefliegerschule wurden in der Folgezeit als Reparationsleistung komplett demontiert, eine weitere Demontage der Flugplatzeinrichtung war zwar geplant, fand jedoch nicht statt. Der Kasernenbereich wurde zunächst als Unterkunft für Kriegsflüchtlinge und Opfer der Vertreibung genutzt.

Von 1948 bis 1951 wurden in den ehemaligen Flugzeughallen des Seeflugplatzes durch die Boddenwerft Damgarten Fischkutter produziert. Ein Teil des Flugplatzes wurde als Segelsportflugplatz genutzt. Mit beidem war schnell Schluss, als die russischen Besatzungstruppen beschlossen, das Areal und insbesondere den Flugplatz als Basis für ihre Jagdfliegerkräfte im deutschen Ostseeraum weiter zu nutzen. Fortan war das Gebiet militärisches Sperrgebiet, verbotene Zone.

Ab 1951 herrschte wieder rege Bautätigkeit auf dem nun als Flugplatz Damgarten bzw. Aerodrom Damgarten bezeichneten Gelände. Eine zweite Startbahn mit einer Länge von 2.250 m wurde angelegt, die 1961 um 250 m verlängert wurde und Anfang der 1970er Jahre um weitere 100 m.

Flugplatz Damgarten - Tower

Der Blick über das Rollfeld zum Tower lässt die Größe des Geländes erahnen…

Flugbetrieb fand Tag und Nacht statt. Geübt wurde der Luftkrieg in allen Facetten: Zielschießen über die Ostsee, Abfangen, Luftkampf, Tiefflug. Der Flugplatz war als Sitz des Stabes der 16. Jagdfliegerdivision und des 773. Jagdfliegerregimentes einer der wichtigsten militärischen Einrichtungen der GSSD auf deutschem Boden.

Die ehemaligen Seefliegerhallen wurden weiterhin als Reparaturhallen und Unterstände für Flugzeuge und Technik genutzt. Auch dieser Teil des Geländes unterlag Zugangsbeschränkungen – entsprechende Wachgebäude und Schutzeinrichtungen zeugen heute noch davon.

Weitere Funktionsgebäude wurden errichtet – unspektakuläre Flachbauten in Barackenbauweise. Ein Teil wurde abgerissen, einige verfallen in Ruhe vor sich hin. Typisch für russische Hinterlassenschaften: die Gebäude sind alle komplett entkernt. Beim Abzug der Truppen aus Deutschland wurde buchstäblich alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war.

Die ehemalige Tankstelle wurde inzwischen abgerissen, die Erdtanks wurden ausgegraben und warten auf ihre Entsorgung.

In unmittelbare Nähe einer großen Halle und in Steinwurfweite zum Saaler Bodden erhebt sich ein unscheinbares kleines Hügelchen, unter dem noch die Reste eines kleineren Bunkers zu erkennen sind – hier befand sich einst die alte deutsche Telefonzentrale. Vermutlich wurde sie von den russischen Hausherren nachgenutzt.

Derartige Hügel, kleinere und größere befinden sich noch einige im Gelände – leider wurden viele komplett zugeschüttet, so dass eben nur die Hügel übrig blieben.

Genügend Lost Place – Romantik findet sich im Bereich der ehemaligen Seefliegerhallen (der heute von einem Technik-Verein genutzt wird) immer noch.

Ende der 1960er Jahre wurden – über das gesamte Flugplatzgelände verstreut –  40 geschlossene Flugzeugdeckungen errichtet, die als Splitterschutz für die abgestellten Flugzeuge dienten. Davon ist ein großer Teil inzwischen abgerissen worden. Bei allen (!) Bogendeckungen fehlen die massiven äußeren Rolltore.

Ein großer Teil des Unterkunftsbereiches, der sich etwas abseits von den Technischen Zonen des Flugplatzes im nördlichen Teil des Geländes befand, ist heute noch erhalten, jedoch völlig von Wald umwuchert. Ein Teil des Unterkunftsbereiches stammt noch aus der Zeit der deutschen Nutzung; er wurde zunächst erweitert – die russischen Bauten kann man leicht an ihrem charakteristischen Baustil erkennen. Am nordwestlichen Rand des Geländes wurde in den 1980er der Unterkunftsbereich um einige Neubaublöcke erweitert, die inzwischen zum großen Teil abgerissen wurden.

Im südlichen Teil des Areals war eine Flugabwehrraketeneinheit stationiert zum Schutz vor feindlichen Tiefflug-Überraschungs-Angriffen von der Landseite. Auf alten Luftbildern sind vier Abschußrampen für S-125 Raketen zu erkennen – heute ist hier alles vom Wald und sumpfigen Wiesen zugewuchert. Außer Wald und Gras ist nicht viel zu sehen; ein riesiger Zaun mit Stacheldraht muss das Gelände einst umgeben haben – ein riesiger Zaunpfahl, der aussieht wie ein Stacheldrahtbaum, steht einsam im Wald herum.

Die Stationierung von Flugabwehrrakten auf einem Flugplatz war höchst ungewöhnlich, ist aber der geographischen Lage zuzuschreiben. Zum Schutz vor Angriffen von der Seeseite befand sich ein zweiter Standort von Flugabwehrraketen im nahe gelegenen Dörfchen Saal, nördlich des Flugplatzes.

Eine weitere bauliche Besonderheit des Flugplatzes ist das Fehlen des westlichen Nahmarkierungspunktes. Auch dies ist der geographischen Lage geschuldet – der westliche Nahmarkierungspunkt hätte sich mitten im Saaler Bodden befinden müssen. Die Reste des östlichen Nahmarkierungspunktes sind noch erhalten.

Neben der Raketenstellung südlich des Flugplatzes befand sich eine Radarstation des Funkmesspostens 631 sowie ein größeres Antennenfeld für die Flugnavigation und Kommunikation. Die Jägerleitstelle befand sich gar nicht auf dem Gelände des Flugplatzes, sondern außerhalb, in einem Bunker in Petersdorf.

Ganz an der Süd-Ost-Ecke des Geländes wurde das Munitionslager eingerichtet. In den 1970er Jahren wurde ein Bunker vom Typ Monolith als Sonderwaffenlager errichtet, der inzwischen abgerissen wurde. Ob sich hier jemals „Sonderwaffen“ (der verharmlosende Militärjargon für Atomwaffen) befunden haben, ist bis heute ungeklärt.

Zwischen Munitionslager und dem Antennenfeld befinden sich einige unscheinbare Gebäude in einem besonders gesicherten Bereich. Sie beinhalteten das Lager für die geheime Nachrichtentechnik und eine Reparaturwerkstatt.

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Unmittelbar am östlichen Rand des Flugplatzgeländes führten die Kleinbahn- Gleise der Franzburger Kreisbahnen vorbei (ab 1940 Franzburger Bahnen Nord). Es gab einen Haltepunkt an der nördlichen Zufahrtsstraße zum Gelände, der bis 1965 Bestand hatte. In den 1950er Jahren wurde jedoch ein Regelspurgleis – ausgehend vom Bahnhof Damgarten (heute Ribnitz-Damgarten Ost) – direkt in das Areal geführt. Das Regelspurgleis kreuzte das Kleinbahngleis am ehemaligen Haltepunkt und führte in Richtung der ehemaligen Seeflughallen mitten auf das Gelände. Das ausschließlich militärisch genutzte Anschlußgleis wurde bis zum Auszug der russischen Truppen 1994 genutzt. Innerhalb des Flugplatz-Areals wurden die Gleise demontiert, der Rest der Gleise liegt noch.

Eine Sanierung der Flugbetriebsflächen war für den Anfang der 1990er Jahre vorgesehen – dazu kam es nicht mehr. Am 11. April 1994 wurden die letzten 46 MiG-29 Jagdflugzeuge nach Rußland ausgeflogen, der Flugbetrieb und die Zeit der russischen Nutzung des Geländes endetet im Juni 1994 mit dem Start des letzten Großraumtransporters vom Typ AN-22. Seit dem liegt das Gelände brach.

Flugplatz Damgarten

fliegt hier schon lange nicht mehr: MiG-21 – heute Freiflächenexponat des Technik-Vereins Pütnitz

Nach vielen verschiedenen Versuchen der Privatisierung kaufte 2008 die Stadt Ribnitz-Damgarten das Areal für 4,7 Millionen Euro von der BImA, die alle militärischen Liegenschaften verwaltet. Auf dem östlichen Teil der Start und Landebahn wurde eine Photovoltaik-Freiflächenanlage errichtet, die ca. 30 Hektar umfasst. Der Technik-Verein-Pütnitz ist Mieter in einigen Hallen der ehemaligen Seeflugschule. Das Areal soll nun umgestaltet werden zu einem Landschaftspark mit Bootsanleger, Hotels, Ferienwohnungen und einem Golfplatz. Wenn es soweit ist, verschwindet ein großartiger lost place. Es bleibt zu hoffen, das die Umgestaltung gut gelingen wird und der Denkmalschutz nicht nur auf dem Papier stattfindet.

Quellen:
Amt für Raumordnung und Landesplanung Vorpommern „Landesplanerische Beurteilung im Ergebnis des Raumordnungsverfahrens für das Vorhaben Landschaftspark am Bodden auf der Halbinsel Pütnitz in der Stadt Ribnitz-Damgarten“, Greifswald, 26.09.2016
Freundt, Lutz „Sowjetische Fliegerkräfte. Deutschland 1945 – 1994. Typenkatalog der Luftfahrzeuge, Flugplatzanlagen und Schutzbauten.“, Band 1 (Flugplätze A – F); Diepholz, 1998
Freundt, Lutz / Büttner, Stefan „Rote Plätze. Russische Militärflugplätze. Deutschland 1945 – 1994. Fliegerhorste – Aerodrome – Militärbrachen“; Berlin, 2007
Sternkiker, Edwin „Abzug vor 25 Jahren. Als die russischen Flieger Pütnitz verließen“, Ostsee-Zeitung, 19.04.2019
Sternkiker, Edwin „Der Flughafen Pütnitz unter Hakenkreuz und Sowjetstern 1935 – 1994“, Rostock, 2014

 

 

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