GSSD – Funkmessposten 613 Lockwisch

Lockwisch – ein kleines Dorf in Mecklenburg. Hier, unweit der ehemaligen innerdeutschen Grenze, und bis 1989 im Sperrgebiet gelegen, zu dem kaum jemand Zugang hatte, versteckt sich ein kleiner und gut erhaltener Lost Place.

Nicht allzu schwer zu finden, obwohl er sich eng an einen kleinen Hügel schmiegt und inzwischen von viel grün zugewachsen ist. Das Eingangstor ist noch vorhanden und sogar offen. Stille rundherum – um man erwartet jeden Moment, von einem russischen Posten angerufen zu werfen: Stoij! Rukij werch! Niemand ist hier, nur ein leichter Windhauch bewegt das Gras. Nicht einmal das Tor quietscht.

Lockwisch - 01 Haupteingang 01

GSSD – 613 RLP in Lockwisch – Eingangstor

Ein paar Schritte hinein, einmal rechts abbiegen und dem zugewachsenen Weg folgen, schon steht man vor dem ersten Gebäude, das vermutlich das Stabs- und Dienstgebäude war. Völlig von Büschen und Bäumen umsäumt; die Eingangstür aus Holz, zwar fensterlos, aber noch gut erhalten. Die Lampenfassung über der Tür ist noch vorhanden und sogar noch Reste vom Blitzableiter. Gleich im Eingangsbereich bietet sich das erste surreale Fotomotiv: zwei Papierkörbe aus Plastik, so abgestellt, als wäre gerade jemand bei der Arbeit gestört worden und käme gleich wieder.

Das Innere erwartungsgemäß leer, jedoch erfreulicherweise wenig vom Vandalismus heimgesucht – die Natur holt sich langsam aber sicher das Gebäude zurück. Eine kleine Überraschung bietet ein Raum, der vermutlich eine Teeküche war – ein Einbauschrank hat die Zeiten überdauert; und: an den Fliesen Bilder russischer weiblicher Schönheiten.

Das Licht, die Räume und zurück gelassenes Mobiliar scheinen auch noch andere Verfallsfaszinierte hier hergelockt zu haben – etwas arrangiert, aber dennoch surreal in der gesamten Atmosphäre wirken manche künstlich geschaffenen Motive – jedoch zu schön, um einfach daran vorbei zu gehen.

Das Gebäude verlassend, ein Blick zurück in Richtung Haupteingang – kommt man sich vor, wie in einer anderen Welt:

Lockwisch -10 Stabs- und Wachbaracke - Blick zum Haupteingang

Ein schmaler Trampelpfad führt durch hohes Gras, vorbei an einer leeren Halterung für Feuerlöschmittel zu einem kleinem und unscheinbaren Gebäude, das die nächste Überraschung birgt.

Ein Blick in den Kabelschacht: voll Wasser und nichts weiter zu sehen. Der Pfad im Gras führt direkt zum Eingang des kleinen Gebäudes, der sich am Giebel befindet. Gleich am Eingang springt ein großer Elektro-Anschlusskasten ins Auge – Was das wohl zu bedeuten hat? Die Antwort offenbart sich wenige Momente später: Eine Sauna – Marke Eigenbau – einschließlich einem kleinem Tauchbecken! Irgendjemand meinte, im Tauchbecken ausgediente Monitore entsorgen zu müssen…

Nach dieser Überraschung folgte die nächste fast auf dem Fuß. Aus der Sauna hinaus, fällt der Blick fast zwangsläufig auf die riesige noch erhaltene Stab-Antenne an der Funkzentrale. Von der Funkzentrale ist leider nicht mehr viel übrig, und die Reste laden nicht zum begehen ein.

Lockwisch 20 - Kurzwellen-Antenne und Dienstgebäude

Die Kurzwellen-Stab-Antenne des 613. Funkmessposten

Na klar: das ist das Gelände des 613. Funkmesspostens der GSSD (Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland) – aber das zumindest eine Antenne noch erhalten ist, kommt völlig unerwartet.

Die offizielle Bezeichnung für das Gelände lautet 613 RLP – RLP ist eine russische Abkürzung (in Umschrift etwas: Radiolokazionie Post), was man am besten mit „Funkmessposten“ übersetzen kann (mitunter findet man auch die Bezeichnung FuTK – Funktechnische Kompanie – das wäre in etwa das deutsche Gegenstück).

Dieser Funkmessposten gehörte zum 512. Funktechnischen Bataillon (FuTB), das auf der Halbinsel Wustrow bei Rerik stationiert war. Zum 512. Funktechnischen Bataillon gehörten neben Lockwisch noch die Funkmessposten 611 in Wustrow bei Rerik, 612 in Hagenow und 614 in Badekow. Das 512. FuTB war eine von vier FuTB, die von der 40. Funktechnischen Brigade der GSSD in Wittstock (Dosse) geführt wurden. Von Wittstock aus wurden die Luftlagedaten direkt an das Oberkommando der GSSD nach Wünsdorf gemeldet.

Viel ist nicht bekannt über die russische Luftverteidigung auf deutschem Boden. In der DDR waren insgesamt 5 russische Armeen stationiert, von der jede ihre eigene Luftverteidigung hatte. Die Luftraumaufklärung erfolgte nicht zentral, sondern dezentral in den einzelnen Armeen innerhalb der ihnen zugewiesen Luftverteidigungszonen.

In den ausgebauten Stellungen der Funkmessposten (also auch hier in Lockwisch) wurde der „normale“ Tagesdienst, der 24 Stunden Dienst im Diensthabenden System sowie das Training innerhalb der Luftverteidigung durchgeführt.

Über das Zusammenwirken von russischen Truppen und Truppen der Nationalen Volksarmee der DDR ist ebenso wenig bekannt – die Luftverteidigungstruppen befanden sich in den selben Regionen. Die Luftverteidigung der russischen Truppen beschränkte sich ausschließlich auf den Schutz ihrer eigenen Truppen – der Schutz der DDR – Bevölkerung, der Truppen der NVA oder der Infrastruktur der DDR war der russischen Luftverteidigung auf deutschem Boden völlig egal.

Heute ist bekannt, dass die GSSD (Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland) auf deutschem Boden etwa 200 Raketensysteme stationiert hatte und mehr als 400 Radarsysteme (sowohl stationär als auch mobil) zur Luftraumüberwachung existierten.

Einer dieser stationären Radarstellungen befand sich hier, im mecklenburgischen Dörfchen Lockwisch. Das Dorf befand sich in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze und zu dem noch im Sperrgebiet, was hieß, das es hier sehr abgeschieden war.

Wann genau die russische Radarstellung hier errichtet wurde, ist nicht mehr herauszufinden; manche sprechen vom Anfang der 1950er Jahre, andere vom Anfang der 1960er Jahre. Die Aufgabe der Radarstellung war die Luftraumüberwachung der westlichen Ostsee und die Weitermeldung der Luftlage. Zwischen 1990 und 1994 zogen die russischen Truppen fast unbemerkt ab und hinterließen diesen Ort, der heute ein sehenswerter Lost Place ist.

Einige Gebäude sind jedoch schon so sehr verfallen, das sich – bei allem Forscherdrang – ein Begehen von selbst verbietet. Die russische Bauweise war eben nicht für die Ewigkeit, und 25 Jahre Leerstand tun ihr übriges.

Der Hintereingang in das Mannschaftsgebäude führt direkt in die Küche. Hier fallen die Fliesen inzwischen von den Wänden, jedoch auch hier: erstaunlich wenig Vandalismus, obwohl die Gebäude natürlich alle ausgeweidet wurden – vermutlich von den abziehenden russischen Truppen selbst, die alles, was abmontierbar war, mitgenommen haben.

Nach der Küche folgte die nächste kleine Überraschung: ein kleiner Kinosaal. Vermutlich wurde der Speisesaal als Sitzbereich genutzt; entsprechende Wanddurchbrüche zum Vorführraum lassen dies vermuten. Selbst die Halterungen für die Filmapparate sind noch vorhanden!

Der Blick den Hauptflur entlang atmete noch russisches Kasernen-Flair. Die Färbe blättert von den Wänden, Staub fliegt durch die Luft und es knirscht auf dem gefliesten Boden – einen kurzen Moment fliegen die Gedanken zurück durch die Zeit und vor dem inneren Auge sehe ich russische Soldaten auf den Knien rutschend den langen Flur schrubben.

Lockwisch 28 - Hauptflur

Eine der offen stehenden Türen führt in den Sanitärbereich. Zum Glück gibt es heute keine Geruchsbelästigung mehr – die typisch russischen Toiletten mit dem Loch im Boden und eine lange Pinkelrinne muten für deutsche Augen etwas ungewöhnlich an. Der Revierreinigungsdienst hier wird bestimmt keine angenehme Aufgabe gewesen sein.

Der Weg den Gang hinunter führt an einem Sicherungskasten vorbei – eine kurze kyrillische Aufschrift – die einzigen kyrillischen Zeichen im gesamten Gelände. Ein Blick in die Frisierstube, die vermutlich multifunktional genutzt wurde – erstaunlicherweise ist noch einiges Mobiliar vorhanden. Die Tapeten fallen inzwischen bahnenweise von den Wänden.

Am Ende des Ganges der Raum für die Mannschaftsunterkunft – ein großer leerer Raum. Hier standen nur Doppelstockbetten und einige Ablagen für Uniform und Ausrüstung – Raum für Privatsphäre gab es nicht, und persönliche Sachen hatte der einfache Soldat meistens nicht – alles sehr spartanisch. Das Leben als russischer Soldat war ganz bestimmt kein Zuckerschlecken!

Der Haupteingang in das Mannschaftsgebäude liegt im Dornröschenschlaf. Echte Lost-Place-Romantik. Unweit des Eingangsbereiches der überdachte Raucherbereich, ebenfalls ein selbst gebautes Provisorium.

Weitere Bereiche des Geländes (z.B. der ehemalige Fahrzeugbereich) sind so zugewuchert und verfallen, das eine Erkundung nicht möglich ist.

 

 

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