Rostock – Heinkelwerke – Standort Marienehe

Auf Anregung durch den Chef des noch geheimem Luftwaffenverwaltungsamtes, Albert Kesselring, nach einem Besuch der Heinkelwerke in der Bleicherstraße begannen 1933 die Planungen für ein neues Werk bei Rostock für ca. 3.000 Arbeiter; im Gegenzug garantierte das Luftwaffenverwaltungsamt hohe Abnahmepreise für die Flugzeuge.

Die Suche nach einem geeigneten Standort erwies sich schwieriger als gedacht. Zunächst war geplant, sich neben dem Arado-Flugplatz in Warnemünde anzusiedeln. Diese Idee wurde jedoch schnell wieder fallen gelassen, da zwei dicht beieinander liegende Flugzeugwerke besonders gefährdet wären im Falle eines Luftangriffes.

Es blieb nur ein recht unattraktives Grundstück übrig, das logistisch schwierig zu erschließen war – nach Abgabe des Bauantrages meldete sich der Mecklenburger Gauleiter Hildebrandt bei Ernst Heinkel und bot diesem ein anderes Grundstück an: ein 300 Hektar großes Grundstück der Staatsdomäne in Marienehe. Im Januar 1934 startete das öffentliche Ausschreibungsverfahren zum Neubau eines Flugzeugwerkes für die Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH in Rostock. Den Zuschlag für die Gestaltung des neuen Areals erhielt der bis dahin unbekannte Architekt Herbert Rimpl, der kurz darauf zum Chef der Bauabteilung in den Heinkelwerken avancierte.

Für den seriellen Bau von Flugzeugen in großem industriellen Maßstab gab es bis dahin keine Vorbilder. Es wurde eine städtebauliche Anlage aus modularen Gebäudeteilen entworfen, die sich am direkten Produktionsprozess orientierten. Die Fertigungshallen waren standardisiert und getrennt nach Flugzeugteilen – vom Rumpf über Tragflächen und Leitwerk hin zur Endmontage.

HRO - Heinkelwerke Marienehe - ehem Produktionshalle

Verändert und zu einer Sporthalle umgebaut: eine ehemalige Heinkel-Werkhalle nach dem Entwurf von RIMPL, die einzige, die die Demontage in Rostock überstanden hat

Im Frühjahr 1934 konnte mit dem Neubau auf dem Gelände in Rostock Marienehe begonnen werden; der Rohbau für den ersten Bauabschnitt war im Dezember 1934 fertig. Die Produktion – vorrangig der He 111 (sowohl als Transportflugzeug genutzt, als auch als Bomber) – begann 1935.

Eigens für die neu erbauten Heinkel- Werke wurde zunächst die Straßenbahn bis nach Marienehe verlängert (Betriebsaufnahme 1934) und an der Vorort-Bahn zwischen dem Rostocker Hauptbahnhof und Warnemünde der Haltepunkt Marienehe eingerichtet. Der Bahnhaltepunkt (Eröffnung 1935) war zunächst nur für die Arbeiter der Heinkelwerke vorgesehen und wurde 1940 für die Öffentlichkeit freigegeben. Der Haltepunkt hatte zu dieser Zeit nur einfache Bahnsteige, die mit Kies aufgeschüttet wurden. Der Gleisanschluss hatte für die Heinkelwerke jedoch besondere Bedeutung für die Zulieferungen, die zu dieser Zeit fast ausschließlich per Bahn erfolgten.

Der Standort Marienehe wurde zum modernsten Flugzeugwerk Europas und avancierte schnell zum Stammwerk der Heinkelwerke – dies nicht nur wegen der modernen Werksgebäude nach den Entwürfen des Architekten Rimpl, sondern auch wegen der neuen Unternehmensphilosophie von Ernst Heinkel in Bezug auf moderne Arbeitsplatzgestaltung und gesunde Arbeits- und Lebensbedingungen für die Werksarbeiter.

Imagewerbung 1939

Image-Werbung in der Zeitschrift „Flugsport“ vom 12. April 1939

Durch den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bildeten die Heinkelwerke auch eigenen Lehrlinge aus – eine der Ausbildungsstätten ist noch erhalten. Der Ziegelbau ist charakteristisch für diese Zeit.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges begann fast umgehend die Demontage des Heinkel-Hauptwerkes. Zunächst wurden sämtliche Maschinen und alles, was sich irgendwie demontieren ließ, als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Fast alle Gebäude und Hallen wurden gesprengt und dem Erdboden gleichgemacht. Die Demontagearbeiten dauerten mindestens bis 1948.

Auf dem nunmehr beräumten Gelände wurde etwas später das Fischereikombinat erbaut; auf dem Gelände westlich der Bahntrasse blieben die Lehrwerkstatt der Heinkelwerke und einige Nebengebäude erhalten – hier siedelte sich später die Fischverarbeitung an. Weiter südlich davon wurden Kleingartenanlagen angelegt.

Die einzig erhaltene ehemalige Produktionshalle steht noch, weil hier nach dem Krieg das neue Unternehmen FaGeMa (Fahrzeug- Geräte – und Maschinenbau-Werke) produzierte und bei den sowjetischen Besatzern 1948 Widerspruch gegen die geplante Demontage der Werkshalle einlegte. Halb erfolgreich – die Halle wurde als Produktionsstandort unbrauchbar gemacht und zu einer Sporthalle umgebaut.

Quellen:
[Hrsg.] Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg Vorpommern; „Technikgeschichte kontrovers: Zur Geschichte des Fliegens und des Flugzeugbaus in Mecklenburg Vorpommern“; Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommern Nr. 13; Schwerin; 2007
[Hrsg.] Ursinus, Oscar; „Flugsport“, Illustrierte flugtechnsiche Zeitschrift und Anzeiger für das gesamte Flugwesen,  XXXI. Jahrgang, Nr. 8, 12. April 1939, Frankfurt am Main
Hoppe, Timo; „Rostock. Urbane Kulturlandschaft:Stadtbilder – Transformationen – Perspektiven“, 2008
Wagner, Andreas; „Der Streit um die Geschichte der Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock“; in: Demokratische Geschichte 17, Malente, 2006, Seite 235 ff.
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